DIE ZEIT, von Erich Kasberger
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October 7, 2003
- Kochen Sie gern? Trinken Sie gern? Würden Sie gern Italienisch lernen? Fahren Sie nach Florenz! Zu einem Sprachkurs der besonderen Art.
Am schönsten ist es mittendrin. Im Herzen der Stadt. Auf dem Markt. Im Strom der Düfte dickleibiger Käse und herabhängender Schinken. Umwogt von Kaskaden italienischen Parlandos und geschäftiger Gestikulierkunst florentinischer Marktleute. Ich möchte mitreden, mitfeilschen, mir diese mediterranen Köstlichkeiten lustvoll einverbleiben. Aber ich fühle mich wie der Fisch in der Vitrine gegenüber: die Augen starr, den Mund offen non parlo italiano. Eine harte Lektion. Florenz könnte so schön sein.
Seit heute Vormittag um zehn Uhr spreche ich Italienisch. Den Einstufungstest habe ich mir erspart und mich zum puren Anfänger erklärt. Trotz meiner neun Jahre Latein. Links von mir Silja, eine Schwedin. Sie spricht Gott sei Dank Deutsch. Daneben Annette, eine junge Deutsche mit etwas hageren Gesichtszügen, die irgendwie sehr sprachbegabt aussieht. Dann noch eine Japanerin, deren Namen auch beim zweiten Nachfragen wie Sushi klingt. Vermutlich kann ich wenigstens besser Latein als sie. Das ist zwar albern, aber es beruhigt im Moment. Die zwei, drei Herren hinter mir habe ich nicht im Blick.
An Latein möchte ich, dass man es nicht sprechen musste. So sitze ich schweigend, psychisch eingeklemmt in meine Schulvergangenheit, und warte, dass meine Mitschüler reden. Marktbilder steigen in mir auf , Goldbrassen und Venusmuscheln, Parmesan un Pecorino. Dann erscheint eine hübsche, agile Italienerin mit rötlichem Haar, die uns begrüßt. Wally, unsere Lehrerin. Der Unterricht hat begonnen.
Brot, Wein und Sprache heißt der Italienischkurs, abgehalten unter den Dächern des Palazzo Borghese, mitten in der Altstadt von Florenz. Es ist das Konzept der Sprachschule Koinè, das mich lockte: Sprache spielerisch zu lernen, Buchlektionen mit Weintesten und Kochen zu verbinden. Denn ein paar Schritte vom Palazzo entfernt, liegt im mittelalterlichen Gewölbe der Loggia di Villani die Enoteca de' Giraldi mit Weinschänke, Tischen, Weinkeller und Kochgelegenheit ein Unterrichtsraum der besonderen Art. Küchentisch statt Schulbank. Crostini statt Lexikon. Das macht auch einem Sprachenmuffel Spaß. “Buongiorno, sono Enrico...." - ich habe gesprochen!
Stefano redet langsam und trotzdem Italienisch. Er ist der Koch, und wir hängen an seinen Lippen. Er verkündet eine frohe Botschaft, die da lautet pesto, carrettiera und funghi. Wie bereitet ein italienischer Koch sie zu, diese pikanten Soßen zur hausgemachten Pasta, und welchen Wein empfiehlt er? Die Auswahl ist groß genug, unser Tisch ist umsäumt von Weinregalen, aus denen Hunderte von Flaschen auffordernd Ihre Hälse recken.
In der einen Hand einen Becher voll Pinienkerne, in der anderen ein Büschel Basilikum, zu jedem Wort den entsprechenden Gegenstand, zu jedem Satz die entsprechende Tätigkeit das prägt sich ein, geht erst durch den Kopf und später in den Magen. “Spianare la pasta sottile con il matterello." Silja knetet Eier und Mehl, rollt den Satz, den ihr Stefano sagt, mit der Nudelwalze aus, schneidet die Worte wie Taglierini, und wir murmeln nach wie die Gemeinde bei der Abendandacht. Con il matterello, mit dem Nudelholz! Sottile, dünn! Sushi sagt mir rasch ein Wort ein, Silja will eines wissen. Von mir! Noch fallen viele Wörter durch unser Sprachsieb, aber langsam stellt sich vage das Gefühl ein zu wissen, wovon wir reden.
Endlich, nach zwei Stunden Sprachkochkurs, können wir unsere heutige Lektion essen. Wally verteilt Nudeln statt Noten: unsere hausgemachten Taglierini, dazu einen jungen Chianti Colli Fiorentini, alles serviert auf blanken Holztischen wie in alten vinai, den florentinischen Weinschänken, üblich. Angesichts unserer Kochkünste machen wir uns Komplimente in Deutsch, Englisch, Italienisch und Japanisch. Charmant, aber hartnäckig kehrt unsere Lehrerin immer wieder zur Landessprache zurück. Ich kaue an jedem italienischem Wort, das mir auf die Lippen kommt, und verschlucke es mit den Nudeln. Al dente.
In der Lektion des folgendes Tages ist der Rotwein unser Lehrmeister, das Weinglas wird zum Lehrbuch. Wally, eine ausgebildete Sommelière, hebt das Glas ins Licht: vedere, sentire, gustare, sehen, riechen, schmecken. Man muss schon alle Sinne zusammennehmen, um den Botschaften des toskanischen Weines auf die Spur zu kommen. Wie Zauberformeln drehen wir die neuen Wörter im Munde, dann senken sich die Nasen in die Tiefe der Gläser, und Verklärung zieht über die Gesichter. Nur Sushi schaut ein wenig ratlos, kann sie doch diesen Kult des Geschmäcklerischen nicht nachvollziehen.
Wieder und wieder werden die Gläser auf dem Tisch geschwenkt und zur Prüfung der Farbe gegen das weiße Tischtuch gehalten. Die roten Tränen, die der zurücklaufende Wein auf der Innenseite des Glases hinterlässt, verraten seinen Gehalt an Gerbsäure. Da bleiben etliche italienische Wörter unerklärt, manche ersschließen sich aus dem Kontext, von anderen bleibt nur die Melodie. Wir fragen immer wieder nach, wiederholen, simulieren Gespräche. Manche Sprachprobleme lösen sich bei der Weinprobe schluckweise.
Sushi unterhält sich, wenn auch in einfachen italienischen Sätzen, angeregt mit Wally, wie ich neidvoll feststelle. Sie nutzt das Angebot der Schule, bei der Lehrerin zu wohnen. So in den Alltag hineingeworfen, lernt man natürlich viel schneller als bei der zeitlich begrenzten Methode des situativen Lernens, die wir erleben. Es gibt auch einige Fortgeschrittene, die den vierstündigen reinen Sprachunterricht am Vormittag nicht besuchen, sondern nur am Kochkurs, den Stadtrundgängen oder an der Exkursion in den Weinberg teilnehmen. Ich kasteie mich inzwischen durchaus lustvoll mit der kleinen Folter des Grammatikunterrichts und dem heimlich geführten Wörterbuch. Die Faustregel, man müsse ein Wort nur einfach in sieben verschiedenen Zusammenhängen mitbekommen, um es dem Gedächtnis einzuverleiben, gilt eben nicht für jeden.
Man glaubt gar nicht, wie viele kleine Schweinehunde man tagtäglich überwinden muss, um beim Einkaufen, bei der Auskunft, im Bus ins Reden zu kommen. Obwohl die Italiener zumeist geduldig dem gacksenden Fremden zuhören. Selbst ich bin nach zwei Wochen so weit, sogar in höchster Sprachnot nicht mein Touristenenglisch auszupacken.
Wieder stehe ich mitten im Marktgewühl und will Fisch kaufen. Und zwar allein, ohne Lexikon. Die Fische liegen da wie immer, mit klaren Augen und offenen Mündern. “Bitte entfernen Sie noch die Kiemen wegen des Geschmacks", sage ich in so sorgfältig artikuliertem Italienisch und mit so intensiver Gestik, als gäbe ich der aufmerksam zuhörenden Marktfrau Sprachunterricht. Sie aber nickt nur und schneidet. Ich bekomme, was ich will. Man muss es nur sagen.
Erich Kasberger
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