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    FLORENZ - BROT, WEIN UND SPRACHE “Capire tutto non esiste!”

Aus dem Geo Spezialheft “Toskana für Geniesser” von Andreas Wenderoth
 

November 5, 2003 - “Capire tutto non esiste!”
Alles kann man nicht verstehen, aber wenn man italienisch in der Küche lernt, fällt das Sprechen bald so leicht wie das Essen.
Von Andreas Wenderoth

Das Tückische an der schönen italienischen Sprache ist, dass man glaubt, sie verstehen zu können, auch wenn man sie nicht spricht. Wer nur ein paar Worte beherrscht, hält sich bereits für ziemlich fortgeschritten. Alles klingt so nett, und auch im Restaurant klappt die Kommunikation fast reibungslos. Ich bestelle „un mezzo litro di vino bianco e una bottiglia d’acqua minerale” und bekomme tatsächlich – Wein und Mineralwasser. Na also, sie verstehen mich! Erst, wer schon ganz gut Italienisch spricht, weiss, wie schlecht er noch ist.
Nun könnte man damit zufrieden sein, dass es einem gelingt, Wein und Wasser zu bestellen. Doch fraglos hält das Leben mehr bereit als Wasser und Wein, besonders in Italien. Um das landessprachlich zu erfasssen, muss man etwas tun. Man kann zum Beispiel im November nach Florenz fahren und, während es draussen regnet, Italienisch lernen. Und praktischerweise gleich dabei kochen.
Grammatik lernt man am besten im Unterricht, Sprechen im täglichen Leben, das in Italien ja hauptsächlich aus Kochen und Essen besteht. Wenn man den unzähligen Toskanageschichten und –büchern glaubt.
Im Centro Koinè (Altgriechisch für „gemeinsame Sprache“) jedenfalls kann man Geist und Gaumen trainieren. Einige Hundert Meter vom Markt Sant’Ambrogio entfernt, im zweiten Stock des antiken Palazzo Borghese im historischen Zentrum von Florenz, erklärt die Lehrerin Wally:“ Die Welt des Konjunktivs ist eine sehr interessante und schafft grosse Eleganz!“ Auf dem Weg dorthin sind eine Reihe von Hürden zu nehmen. Um angemessen zu antworten, sei es von Vorteil, in etwa zu verstehen, was der Gesprächspartner meint. Nicht nötig sei es, alles zu verstehen. Die Florentinerin, deren Name, wie sie einräumt, so italienisch nicht ist („Er stammt aus einer weitgehend unbekannten Oper“ – uns ist Alfredo Caralanis „La Wally“ als „Geierwally“ aber durchaus noch geläufig) sagt: „Capire tutto non esiste!“ Eher gehe es um eine Art „Gymnastik für die Ohren“. Um die Stimmung aufzulockern, darf jeder zunächst einmal sagen, was ihm an Florenz nicht gefällt.
Besonders kritikwürdig erscheint den meisten das Wetter. Zwei junge Koreanerinnen bemängeln zudem, die Stadt sei nicht modern, die Strassen viel zu eng.
Wally rät uns, einfach die Ohren aufzustellen wie „Dumbo, der Elefant“ und dann mit ein wenig Fantasie die Idee eines Satzes zu erfassen. Bei Präpositionen, so schwant mir, ist es mit Ideen so eine Sache. Sie müssen gelernt werden. Das gilt leider auch für Vokabeln. Eine besondere Gemeinheit ist es beispielsweise, dass im Italienischen „warm“ „caldo“ heisst. Das wusste ich noch nicht, als ich im Pizza-Imbiss am Dom darauf bestand, meine Pizza dürfe unter gar keinen Umständen „caldo“ sein. Es führte zu Verwunderung auf der anderen und später auch auf meiner Seite. Nach dem Morgen mit Wally kann mir das nicht mehr passieren.
Mittagspause, und dann nähern wir uns dem angenehmen Teil des täglichen Lernprogramms. Im benachbarten Weinladen „Enoteca de’ Giraldi“ lauscht unsere Gruppe, bestehend aus drei Japanern, drei Amerikanerinnen und zwei Deutschen, dem Kurs mit dem schönen Namen „Pane, Vino e Lingua“. An der Schmalseite eines langen Holztisches sitzt wiederum Wally und verkündet: “Heute sprechen wir ein bisschen über Weissweine“. Was eine charmante Untertreibung ist; denn Wally ist ausgebildete Sommelière. Sie hat die dreijährige Ausbildung ohne gastronomische Ambitionen gemacht, nur zu dem Zweck, dass ihre Schüler etwas über Weine lernen. Da für den Nachmittagskurs keine Italienischkenntnisse vorausgesetzt werden, sind zwei Dolmetscher anwesend, die ins Japanische und Englische übersetzen. Gerade sagen sie: „Würzige, aromatische Speisen erfordern einen ebenso langen Nachgeschmack des Weins.“ Weshalb man mit Gewürzen generell sehr sparsam umgehen solle. Wally spricht von der Unsitte, die Salatsauce mit Zitrone abzuschmecken. Dazu könne man dann allenfalls Wasser trinken. Ein Wein nehme sofort den Zitronengeschmack an. „Dann trinkt ihr Limonade!“ Bei der anschliessenden Weinverkostung hat sich Helmut, ein pensionierter Lehrer aus Hannover, in einen 97er Vermentino verliebt. Den könne man sicher auch ohne Essen trinken, sagt er. „Vielleicht nicht die Flasche, ein zwei Gläser sicher“, korrigiert Wally. Aber da hat Helmut schon nachgeschenkt. Die folgen der verschiedenen toskanischen Weissweine, die wir anschliessend durchprobiert haben, zeigen sich am nächsten Morgen.
Wallys Unterrichtsmethoden sind jedoch hervorragend geeignet, unsere schweren Zungen zu lösen. In einer Art Ratespiel muss der Verlauf einer Geschichte vorhergesagt werden. Uns wird eine Folge von Bildern vorgelegt. Zunächst sehen wir einen Mann, der auf einem Bett liegt. Danach ein geöffnetes Fenster, eine umgefallene Vase, daneben einen Fleck. „Der Mann schläft, und ein Windstoss hat die Vase umgeschmissen“, mutmasst Helmut. Ich nicke zustimmend, und sofort besteht Wally darauf, dass ich es auf Italienisch wiederhole. Zum Glück erinnere ich mich an Puccinis berühmte „Nessun dorma!“ – Arie aus Turandot. !Il signore dorma, un vento arrive, la vasa rotto“, stottere ich – gar nicht so schlecht, aber leider falsch: Auf dem letzten Bild wird klar, dass der Fleck auf dem Boden eine Blutlache ist. Durchs Fenster schaut nun ein Mann mit Sonnenbrille und Pistole: Klar, Szenen des italienischen Alltags. Sprache ist auch eine Frage der Psychologie. Man muss sie nicht wirklich können, man muss einfach anfangen zu reden.
Mir selbst ist verbale Unzulänglichkeit immer etwas peinlich. Ich halte es im Grunde für rücksichtslos, radebrechend an einen Muttersprachler heranzutreten. Die Küche jedoch ist ein geeigneter Ort, um Italienisch zu sprechen. „Oggi facciamo la pasta all’uovo“, sagt Lehrerin Elisabetta. Sie zeigt uns zu jedem neuen Wort den passenden Gegenstand: “pasta” (Teigwaren) besteht aus “farina” (Mehl), “uova”(Eiern) und “sale”(Salz) . Das Nudelholz heisst „matterello“, und zum Kochen braucht man reichlich „acqua bollente“. Falsche Betonungen gehen gnädig unter im Zischen des Olivenöls, in dem wir Knoblauch und Zwiebeln für die Sauce anbraten. Helmut brilliert an der Hand-Nudelmaschine („Das muss ja besser schmecken!“), ich nehme das Hackfleischragout in Angriff („Muss das Fleisch braun oder schwarz sein ?“) Als die Nudeln al dente sind, setzen sich alle erwartungsvoll an den Tisch. Bedauerlicherweise braucht mein Ragout noch eine Weile. Als es fertig ist, sind die Nudeln kalt. Wir essen trotzdem. Die Japanerinnen, die in Tokio in einer Pizzeria arbeiten, monieren, sie hätten das Rezept ganz anders in Erinnerung. Helmut meint:“ Die einzige Tragik besteht darin, dass zu wenig Parmesankäse da ist.“ Am nächsten Tag wird alles wieder gut. „Il risotto!“, kündigt Elisabetta an, „una cosa tipicamente italiana!“ Schalotten glasig dünsten, Kürbisstücke dazu, nach und nach Reis und Brühe dazugegeben. Elisabetta verrät die zwei Geheimnisse eines gelungenen Risotto: „ Verwendet erstens nur Reis, der wenig Stärke enthält, zum Beispiel die Sorte Arborio. Und habt zweitens Geduld“. Immer wieder tassenweise Brühe nachgiessen, umrühren, köcheln lassen, wieder Brühe, etwas umrühren, etwas köcheln lassen..... Den fertigen Risotto schmecken wir mit Petersilie und Parmesan ab. Keine Kritik diesmal, selbst Helmut versteigt sich zu der Bemerkung: „ Jaa doch...“
In der Küche komme ich mit meinen frischen Italienischkenntnissen ganz gut zurecht. Aber wie bestehe ich in der grossen weiten Welt? Beim Schuhkauf, der an sich schon eine recht komplizierte Angelegenheit ist, erzeuge ich Heiterkeit im Geschäft. Die Auswahl der Schuhe meistere ich beispielhaft – man kann ja auf sie zeigen. Eine sprachliche Herausforderung jedoch ist die Bitte um gefütterte Wintersohlen. „C’è qualcosa, da fare dentro contra il tempo? Bringt nicht den gewünschten Effekt. Die Verkäuferin lächelt freundlich. Oder amüsiert. Ich lege nach: Contra la freddura... „, was leider auch nicht stimmt, weil Kälte nun einmal „il freddo“ heisst. „Qualcosa di caldo per sentirsi meglio“ schliesslich führt dazu, dass sich die Bedienung an eine Kollegin wendet. Diese hakt nach: „Solette?“ Nein, Einlegesohlen hätten sie nicht ...Arrivederci.
Die Esskultur ist ein wichtiger Teil der italienischen Alltagskultur. Die Zeit zwischen pranzo und cena wird gern damit verbracht, zu erörtern, was gegessen wurde oder was gegessen werden wird. Ich selbst lange gern zu, aber das Bedürfnis, anschliessend darüber zu reden, fehlt mir gänzlich. Die schlichte Aussage, es habe gut geschmeckt, verrät den deutschen Spielverderber. Einem Italiener würde dieser Fauxpas niemals unterlaufen. Wer stundenlang an der Nudelmaschine steht, wer stundenlang tafelt, erwirbt das Recht, später in gleicher Ausführlichkeit darüber zu berichten. Es ist geradezu Pflicht. „Che cosa avete mangiato ieri sera?“, fragen sich nach einigen Tagen Unterricht ganz selbstverständlich auch die Sprachschüler in den Gängen des Centro Koinè. Und wer nicht vom Essen spricht, der redet über Weine und Winzer.
Eine knappe Autostunde von Florenz liegt das Dorf Greve. In einem Weinkeller aus dem 14. Jahrhundert empfängt uns der ehemalige Bankdirektor Renzo Pancani, der sich seit seiner Pensionierung ausschliesslich seinem kleinen Gut widmet. Ganze 5000 Flaschen einer einzigen Sorte Chianti Classico beträgt die Jahresproduktion. Die Amerikanerinnen, die hauptsächlich wegen des italienischen Weins gekommen sind, zeigen sich entzückt, die Tokioter Pizzabäckerinnen taxieren in Gedanken den verbleibenden Platz in ihren Koffern. Helmut lässt sich eine Kiste schicken, ich erstehe eine Flasche. Mein Reiseproviant, denn nach einer Woche ist der Kurs für mich vorbei.
Zu Hause, wenn ich gemerkt habe, dass der deutsche Regen noch unfreundlicher ist als der toskanische und der Winter, anders als in Florenz, keinen Hauch von Sommer mehr hat, werde ich in der Küche stehen, Schalotten dünsten, Kürbisse zerteilen. Und wenn von gegenüber der Weihnachtsschmuck leuchtet und es trotzdem nicht schneit, nur kalt ist und nass, denke ich an Platanen und kleine Felsmäuerchen , an die Fresken im Dom von Florenz, an den Duft von frischem Olivenöl und an das Weingut von Signore Pancani. Ich habe drei Pastagerichte gelernt und zwei Risotti, das reicht für die Wochentage. Am Wochenende kann ich ja essen gehen. Italienisch vielleicht.

   
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